
Gemeinsam für die kommunale Wärmewende
Gemeinsame Pressemitteilung des Kreises Borken, der Stadt Borken und der Stadtwerke Borken: Stadt, Kreis und Stadtwerke Borken erhalten rund 6,1 Millionen Euro für den Aufbau eines durch die Nutzung von Abwasserwärme gespeisten kalten Nahwärmenetzes
Borken. „Die Stadt, der Kreis und die Stadtwerke Borken wollen bei der Gestaltung der kommunalen Wärmewende und dem Klimaschutz als Vorbild vorangehen“, sagt Bürgermeisterin Mechtild Schulze Hessing. „Wir freuen uns daher sehr, dass uns das Bundesministerium für Umwelt, Klimaschutz, Naturschutz und nukleare Sicherheit in dieser Woche Fördermittel in Höhe von rund 6,1 Millionen Euro für den Aufbau eines durch die Nutzung von Abwasserwärme gespeisten kalten Nahwärmenetzes zur Versorgung öffentlicher Liegenschaften gewährt hat“, ergänzt die Bürgermeisterin. Die Mittel stammen aus dem Förderaufruf für investive kommunale Klimaschutz-Modellprojekte im Rahmen der Nationalen Klimaschutzinitiative. Die Realisierung des ambitionierten Projektes würde nach einer qualifizierten Kostenschätzung aus dem Jahr 2025 Investitionskosten in Höhe von rund 10,5 Millionen Euro brutto verursachen.
„Das Projekt besitzt bundesweiten Modellcharakter und ist zugleich ein bedeutender Meilenstein für die kommunale Wärmeplanung in Borken“, erklärt Ron Keßeler, Geschäftsführer der Stadtwerke Borken. „Mit der Nutzung von Abwasserwärme erschließen wir eine bislang weitgehend ungenutzte regenerative Energiequelle direkt vor Ort. Gemeinsam mit unseren kommunalen Partnern entwickeln wir eine nachhaltige und zukunftssichere Wärmeinfrastruktur für öffentliche Einrichtungen“, fügt Keßeler hinzu. „Unser Ziel ist es, die Wärmeversorgung des Kreishauses, der Kläranlage, der Jodocus Nünning Gesamtschule und der zentralen Einrichtungen wie der Neumühlenschule noch unabhängiger vom Einsatz fossiler Brennstoffe und externer Energielieferungen aufzustellen. Idealerweise gelingt uns eine vollständige Dekarbonisierung der Wärmeversorgung“, sagt Benedikt Spieker, Technischer Dezernent des Kreises Borken.
Christian Mildenberger, Geschäftsführer der Landesgesellschaft für Energie und Klimaschutz NRW.Energy4Climate, erklärt: „Abwasser ist eine bislang vielfach unterschätzte Energiequelle direkt vor unserer Haustür. Allein in Nordrhein-Westfalen können wir perspektivisch rund zehn Prozent des Gebäudewärmebedarfs aus der Wärme von Kläranlagen und Kanalnetzen decken. Gerade weil viele kommunale Kläranlagen in den kommenden Jahren ohnehin modernisiert werden müssen, ist jetzt der richtige Zeitpunkt, diese Infrastruktur auch energetisch neu zu denken. Projekte wie hier in Borken zeigen, wie Kommunen mit Abwasserwärme lokale, verlässliche und klimafreundliche Wärmeversorgung aufbauen können – und damit zugleich unabhängiger von Öl und Gas werden. Mit der Initiative Abwasserwärme NRW begleiten wir Städte und Gemeinden dabei von der Potenzialanalyse bis zur konkreten Umsetzung.“
„Bundesweit existieren bereits erfolgreiche Projekte, bei denen die Wärme des Abwassers direkt über in der Kanalisation verbaute Wärmetauscher genutzt wird. Für das Projekt in Borken wurde sich jedoch bewusst dafür entschieden, die Wärme erst nach dem Reinigungsprozess im Ablauf der Kläranlage zu entnehmen. Dadurch kann eine besonders stabile, hygienisch unbedenkliche und betriebssichere Wärmequelle für das kalte Nahwärmenetz genutzt werden“, erklärt Prof. Thomas Giel von der Hochschule Mainz. Der Energieexperte hat die Stadt Borken bereits beim Aufbau einer zentralen Wärmeversorgung im Neubaugebiet im Schmeing-Gelände in Weseke unterstützt.
Im Ablauf der Kläranlage habe das Abwasser selbst in den kältesten Wintermonaten eine Temperatur von mindestens 10 Grad Celsius. Diese konstant hohe Temperatur mache das gereinigte Abwasser zu einer bedeutenden, bislang weitgehend ungenutzten ökologischen Wärmequelle. Bereits durch das Absenken der Abwassertemperatur um nur ein Grad Celsius ließe sich eine Wärmeenergie von rund 768 kWh pro Stunde entziehen. Würde das Wasser – was technisch möglich wäre – um fünf bis sechs Grad Celsius abgekühlt, entstehe innerhalb von nur drei Stunden mehr nutzbare Wärmeenergie, als ein durchschnittliches Einfamilienhaus im gesamten Jahr benötige.
„Wir wollen daher im Ablauf der Kläranlage einen Wärmetauscher installieren“, sagt Markus Niehaus von den Stadtwerken Borken. Die entnommene Umweltwärme solle dann in ein kaltes Nahwärmenetz – vergleichbar zum Wärmenetz im Schmeing-Gelände – eingespeist und zur Kläranlage, zum Kreishaus, zur Jodocus Nünning Gesamtschule und zu den zentralen Einrichtungen transportiert werden. „Das kalte Nahwärmenetz kombiniert niedrige Systemtemperaturen mit bewährten Materialien und einem flexiblen technischen Aufbau. Auf diese Weise entsteht ein System, das nicht nur besonders energieeffizient und klimafreundlich, sondern auch wirtschaftlich und zukunftssicher ist“, ergänzt Niehaus.
Um die öffentlichen Liegenschaften klimafreundlich mit Wärme versorgen zu können, muss deren Wärmeversorgung erneuert werden. Angedacht ist insbesondere die Installation von Großwärmepumpen mit Pufferspeichern. Durch die dezentrale Installation von Großwärmepumpen werde nicht nur die Energieeffizienz gesteigert, sondern auch eine flexible und bedarfsgerechte Wärmeversorgung sichergestellt. „Großwärmepumpen gehören zudem zu den wenigen Wärmeerzeugern, die flexibel auf die schwankende Einspeisung erneuerbarer Energien wie Wind- und Sonnenkraft im Stromnetz reagieren können. Sie können gezielt dann betrieben werden, wenn überschüssiger Strom im Markt verfügbar ist, leisten damit einen Beitrag zur Netzstabilität und senken durch den Betrieb bei niedrigen Strompreisen gleichzeitig die Wärmegestehungskosten“, führt Niehaus weiter aus. Zudem ließen sich einzelne Komponenten im System unabhängig voneinander warten oder austauschen, was die Betriebssicherheit erhöhe. Perspektivisch könnten weitere Liegenschaften oder auch Wohn- und Gewerbegebiete grundsätzlich an das kalte Nahwärmenetz angeschlossen werden.
Gegenwärtig rechnen die Stadt, der Kreis und die Stadtwerke Borken mit einem Gesamtinvestitionsvolumen von rund 10,5 Millionen Euro brutto. Bei einer Förderung von 6,1 Millionen Euro verbleibt ein Eigenanteil von rund 4,4 Millionen Euro brutto. Zudem wird das bundesweite Klimaschutz-Modellprojekt wissenschaftlich begleitet.
„Wir sind fest entschlossen, das Verbundprojekt fristgerechnet bis Sommer 2030 umzusetzen“, sagen Mechtild Schulze Hessing, Ron Keßeler und Benedikt Spieker. „Der Aufbau eines durch die Nutzung von Abwasserwärme gespeisten kalten Nahwärmenetzes zur Versorgung öffentlicher Liegenschaften ist ein Riesenschritt für die kommunale Wärmewende.“ Die hierfür erforderlichen Schritte würden nun zeitnah initiiert.
